Ibiza Weltkultur- und Naturerbe


Von Phöniziern und Piraten

Ob mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug: Wer nach Ibiza reist, der sieht als erstes die mächtige Akropolis von Ibiza, der Inselhauptstadt. Die Festungsanlage ist die älteste und besterhaltene Europas. Mit Mauern bis zu 20 Metern Höhe und bis zu drei Metern Breite, im 16. Jahrhundert erbaut, gilt sie als stilbildend für das  Verteidigungskonzept  der Renaissance.

 

Lange vor den Spaniern siedelte an gleicher Stelle schon ein anderes Volk: die Phönizier. Vor 2.600 Jahren gründeten sie auf Ibiza eine Handelsniederlassung. Erhalten ist davon noch ein kleines Außenlager, "Sa Caleta" und die berühmten Salinen. Sie gelten als einzigartiges Beispiel phönizischer Wasserbaukunst, sind Weltnaturerbe, genauso wie die Seegras-Wiesen von Ibiza.

Ibiza: Weltkultur- und Naturerbe -

Patrimonio de la humidad

Eine Reise durch die Jahrhunderte, die von Phöniziern und Piraten, von Salz und Seegras, von Festungsarchitektur und von Festen erzählt: Übers Meer sind sie alle gekommen: die Piraten und die Handelsherren, die friedlichen Siedler und die feindlichen Eroberer. Ob Phönizier, Araber und Spanier - sie alle erkannten die strategisch günstige Lage von Ibiza. Wer die Insel regierte, der besaß ein wichtiges Faustpfand im Wettstreit um die Vorherrschaft im Mittelmeer.


"Man muss die Insel für alle Zeiten uneinnehmbar machen", verkündet Spaniens König Philipp der Zweite. 1555 lässt er diese Festung bauen: "La Muralla", ein zwei Kilometer langer Mauerring rund um die Altstadt von Eivissa, der Inselhauptstadt, mit Mauern bis zu 20 Metern Höhe und bis zu drei Metern Breite. Bauzeit: 30 Jahre.

"La Muralla" - die gewaltigste Verteidigungsanlage im Mittelmeerraum und die modernste ihrer Zeit: Die Mauern sind schräg statt gerade, dick und gedrungen statt hoch und schmal. Schließlich gilt es, auf die neue Kriegstechnik zu reagieren, die Artillerie; erstmals erprobt man auf Ibiza  fünf-eckige Bastionen; aus jedem Winkel können die angreifenden Schiffe jetzt beschossen werden... der Plan geht auf: Mit dem Bau der Mauer enden sämtliche Eroberungsgelüste; Ibiza gilt als uneinnehmbar und bleibt in spanischer Hand.
Die Wehranlage wird stilbildend für das Verteidigungskonzept der Renaissance; nach ihrem Vorbild befestigen die Spanier, und nicht nur sie, ihre Kolonien in Übersee.

Lange vor den Spaniern hatte schon ein anderes Volk auf Ibiza eine Festung errichtet: die Phönizier, vor 2.600 Jahren. Erhalten ist davon allerdings nur dieses kleine Außenlager: "Sa Caleta", die erste Siedlung der Insel. Umzäunt und ein bißchen wie in einem archäologischen Käfig eingeschlossen liegen hier die Überreste einer untergegangenen Hochkultur - Weltkulturerbe.

 

Die Phönizier waren ein Volk der Seefahrer und Kaufleute; beheimatet im Gebiet des heutigen Libanon, trieben sie Handel mit Ägypten, Griechenland  und dem Rest der schiffbaren Welt; exportierten Holz und Töpferwaren. Ein reiches Volk, immer auf Expansionskurs - deshalb auch die Gründung einer Handels- niederlassung auf Ibiza, 654 vor Christus.
"Sa Caleta" zählte rund 500 Einwohner. Und so prächtig die Tempel und Paläste in der Heimat waren, so bescheiden lebte man hier: in einfachen Häusern aus grobem Stein. Man teilte sich einen Backofen und handelte mit Salz, Fisch und Getreide; ein archaisches Leben in der   Fremde...
Nur in ihrer Religion gönnten sich die Phönizier wenigstens ein bißchen -  "Ausschweifung": In einem Höhlentempel - geweiht der allmächtigen Tanit, Göttin der Fruchtbarkeit und des Todes - feierten sie "orgiastische" Feste.

Das ist quasi der "Vorgarten" der phönizischen Siedler: die Salinen von "Sa Caleta". "Weisses Gold" nannten sie das Salz, denn kostbar war es für sie nicht nur als Exportartikel, sondern auch als Konservierungsmittel für ihre Handelsgüter, für Fisch und Fleisch. Die Salinen sind Welt-Naturerbe, sie gelten als einzigartiges Beispiel phönizischer Wasserbaukunst; ihre Rasterstruktur ist noch heute so wie vor 2.600 Jahren: In grossen Becken wurde und wird das Meerwasser gestaut; einen Sommer lang lässt man es verdunsten, dann ist "Erntezeit". -

Die Abbau-Methoden sahen zu phönizischen Zeiten natürlich etwas anders aus... das Salz von Ibiza gilt als besonders gut, denn die Wasserqualität rund um die Insel bekommt alljährlich Bestnoten; nicht zuletzt auf Grund der berühmten Seegras-wiesen, "Posidonia Oceanica". Nirgends sonst findet man im Mittelmeer so dichte Seegras-Teppiche - auch sie gehören zum Weltnaturerbe. Sie gelten als natürlicher Wasserfilter und  als pflanzlicher Wellenbrecher, der die Küste vor Landverlust schützt.
Auch für Archäologen sind die Seegraswiesen mitunter spannend: Antike Amphoren und Tonscherben wurden hier schon geborgen; vielleicht, so die These, stammen sie von gesunkenen Handelsschiffen der Phönizier.

Von der Unterwasserwelt in die "Unterwelt"

In der Inselhauptstadt ist man auf eine Totenstadt der Phönizier gestoßen - "Puig des Molins", über 3000 Gräber sollen es sein - die weltweit größte noch erhaltene phönizische Nekropole. Nur wenige Grabkammern sind zugänglich. Schlicht sehen sie aus, die Sarkophage der ersten Siedler - grobe Sandsteinblöcke ohne Ornamentik. Beleg für die archäologische These, daß hier einfache Kaufleute beerdigt wurden und keine phönizischen Könige...


Die Grabbeilagen lassen den Rückschluss zu, dass die Phönizier an ein Leben nach dem Tod glaubten: sich mit Fruchtbarkeitssymbolen und kostbaren Straußeneiern für das Jenseits wappneten... Zahlreiche Tanit-Funde bezeugen den hohen Stellenwert der Göttin. Um sie milde zu stimmen, sollen ihr Phönizier ihre erstgeborenen Söhne geopfert haben, im Flammentod. Der griechische Geschichtenschreiber Herodot kommt zu dem Urteil: "Die Phönizier sind ein rätselhaftes Volk". Über der phönizischen Totenstadt erhebt sich die ummauerte Altstadt von Eivissa, Dalt Vila. Nach den Phöniziern herrschten hier die Römer, dann die Vandalen, später die Araber; das Jahr 1235 gilt vielen Ibizencos beinahe als "heiliges Jahr".

Mit dem Einzug katalanischer Truppen endet die Zeit der wechselnden Inselherren. Ibiza wird Teil des Spanischen Reiches. Nach der Konquista wird, wie so oft, als erstes die Moschee der besiegten Araber abgerissen und an gleicher Stelle die Kathedrale gebaut: wuchtig und monumental - Symbol der christlichen Macht. Die Kathedrale trägt den Namen der Schutzheiligen von Ibiza: "Santa Maria de las Nieves" - die Heilige Maria des Schnees. Zwar schneit es auf der medi- terranen Mittelmeer-Insel höchst selten, das tut der frommen Verehrung allerdings keine Abbruch...

Rund 400 Jahre lang hat man an der Kathedrale gebaut und umgebaut. Das Ergebnis ist eine insel-typische Mischung aus katalanischer Gotik und Barock, schlicht und funktional - eine christliche Fluchtburg bei Piratenangriffen.

Auch wenn die Kathedrale die ganze Stadt überragt, ihr maurisches Erbe  kann Eivissa nicht leugnen: die verwinkelten Gassen gleichen einer arabischen Medina. Und fast jedes Haus hat eine abenteuerliche Geschichte.
Früher lebten hier Piraten... Fast jeder Ibizenco hat einen namhaften Freibeuter als Urahn. Als Philipp der Zweite 1555 die Stadt zur Festung ausbaut, schützt er sie nicht nur vor Piratenangriffen; vielmehr errichtet er auch einen Schutzwall um ein Piratennest, denn die Insulaner, die ständigen Übergriffe leid, wechseln die Seiten.
Bis ins 18. Jahrhundert machen sie, im Auftrag der Spanischen Krone, das Mittelmeer unsicher. Die Beutezüge der Korsaren bescheren Ibiza, zumindest vorübergehend, einen gewissen Reichtum; das spiegelt sich auch in der Architektur wider... Dalt Vila gilt als Europas älteste und besterhaltene Festungsstadt.

 

Ibiza - für die Phönizier ein Stück "heilige Erde" - Insel der Tanit, für die Spanier ein wichtiger Vorposten im Mittelmeer. Und heute steht Ibiza in dem Ruf, eine glitzernde Partyinsel zu sein; von ihren zahlreichen Kultur- und Naturschätzen wissen die wenigsten. Dabei gab es auch schon in der Vergangenheit prominente Fürsprecher: Walter Benjamin rühmte die "Ursprünglichkeit" der Insel und Nostradamus prophezeit im 16 Jahrhundert: "Im Falle eines Weltunterganges wird Ibiza die letzte Zuflucht auf der Erde sein".


DATEN und FAKTEN

Kultur- und Natur-Denkmal:

Las Salinas de Ibiza

y Formentera Nature Reserve

und archäologische Stätten

UNESCO-Ernennung: 1999


FLORA und FAUNA

>  Einmaliges Öko-System

    von Meer und Küste

>  Meeresgrund mit Korallenriffen

    und Höhlen

>  Über 220 Arten von Seegras

    (Posidonia)

>  11 seltene endemische Pflanzen

>  Die mediterrane "Mönchsrobbe" zählt

    zu den 12 gefährdetsten Säugetiere

    der Welt.

>  Vielfältige Fauna, darunter 205 Vogel-

    arten, verschiedene Reptilienarten

    und Wirbellose.

KULTUR

>  Befestigte Oberstadt Dalt Vila

>  10 archäologische Statten am Meeres-

    grund aus der späten Bronze-Zeit

>  Phönizische Stätten "Sa Caleta" (frühe

    Siedlungen) und "Puig des Molins"

    (Nekropole)

>  Salinen

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© Cronik Verlag im Bertelsmann Lexikon-Verlag GmbH

Gütersloh/München 2000 - 2010



© Texte & Bilder:  www.schaetze-der-welt.de

Die wertvollsten Natur- und Kulturdenkmäler der Welt schützt die UNESCO seit 1972 als “Erbe der Menschheit”. 

Die Fernsehreihe “Schätze der Welt” erzählt von diesen Orten in eindrucksvollen Bildern.


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